Urlaub ohne Auto und Flugzeug: Geht das?

Ich besitze kein Auto und für Reisen innerhalb Europas möchte ich nicht in ein Flugzeug steigen. Wie organisiere ich dann meinen Urlaub? Einblicke in meine letzte Fahrt von Kassel bis nach Schottland und zurück.

In den letzten Jahren habe ich mich an immer längere Reisen mit dem Zug herangetastet. Urlaub in Deutschland ist per Zug relativ einfach. Alle deutschen Großstädte erreiche ich aus Kassel in wenigen Stunden per ICE. Auch Nord- und Ostsee plus ihre Inseln lassen sich gut per Zug und Fähre erkunden.

Schon etwas länger waren die sieben Stunden Fahrt bis nach Wien im Jahr 2022. Noch etwas weiter die Zugreise 2023 nach Verona, den Gardasee und Venedig. Meinen längsten Zugurlaub startete ich letztes Jahr: von Kassel nach Brüssel nach London nach Edinburgh und alles wieder zurück. 13 Tage insgesamt, 7 Tage davon mit Zugfahrten.

Klären wir also gemeinsam die Frage: Wie geht Reisen ohne Auto und Flugzeug? Geht das überhaupt? Lasst es uns herausfinden!

Kassel: Bus

7:50 Uhr. Ein Sonntag im September. Unsere Reise beginnt an einer Bushaltestelle wenige hundert Meter von unserer Haustür entfernt. Wir müssen unsere müden Körper, zwei Rucksäcke und zwei Koffer zum Bahnhof transportieren. Normalerweise nutzen wir dafür die Tram, aber es ist Sonntag. Und Sonntags fahren die Trams in Kassel nur alle 30 Minuten. Weil der Takt nicht zur unseren Abfahrtszeit mit dem Zug am Bahnhof passt, wählen wir den Bus.

Die erste Verbindung einer längeren Reise ist für mich fast die kritischste. Hier kann schon alle Planung in sich zusammenbrechen. Deswegen gehen wir kein Risiko ein und rollen mit dem Bus nach fünf Minuten Fahrzeit überpünktlich vor den ICE-Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe.

Kosten für den ÖPNV: keine (Semesterticket und Jobticket)

Kassel – Brüssel (über Frankfurt): Zug

Über die berüchtigten Rampen des Bahnhofs Kassel-Wilhelmshöhe schreiten wir auf das Gleis. Kassel-Wilhelmshöhe ist der Fernbahnhof der Stadt und brachte mit seiner Eröffnung 1991 Wohlstand, Kultur und gute Laune nach Nordhessen. Der alte Hauptbahnhof Kassel wurde ein Regionalbahnhof, der Reisende bis heute mit seinem Namen verwirrt.

Wir steigen in einen ICE Richtung Süden und sausen ohne Zwischenfälle in 90 Minuten nach Frankfurt.

Lockeren Schrittes geht es durch die Bahnhofshalle in Frankfurt zum Zug nach Brüssel. Der ICE International wartet schon am Gleis auf uns. Beim Einstieg bemerken wir: Irgendwas ist anders. Die Reservierungsanzeigen leuchten uns mit grünen, gelben und roten Lampen den Weg zu zwei freien Plätzen. Auch die Sitze sind neu und bequem. Die Gepäckablagen sind anders verteilt. Der Klapptisch ist mit einer Halterung für Tablets versehen. Was ist hier los? Hat die Deutsche Bahn aus dem ungemütlich engen ICE 4 gelernt? Es scheint so. Wir sitzen in einem ICE 3neo. Einer verbesserten Version des ICE 3. Mir gefällt es.

Am Flughafen Frankfurt steigen verschlafene Fernflieger in den Zug. Darunter viele Asiaten. Während zwei junge Frauen sich der internationalen Kulinarik hingeben (McDonald’s) und dabei unentwegt Selfies schießen, schaut eine andere Gruppe still und fasziniert auf die vorbeirauschende Landschaft. Wie gebannt zucken ihre Augen über die Felder, Häuser und Straßen auf der anderen Seite des Fensters. Eine Frau nimmt ihre Kamera in die Hand. So eine richtige Kamera mit Objektiv und Sucher und allem. Kein Smartphone. Und sie drückt auf den Auslöser. Beim Blick auf das Display scheint sie zufrieden. Ich ahne, dass es nur eine verhuschtes Aufnahme mit grünen und blauen Farbflächen ist.

An der Grenze hinter Aachen haben wir eine Verspätung von zehn Minuten. Ein paar Polizisten gehen gelangweilt durch die Waggons auf der Suche nach nichts.

Nach gut drei Stunden Fahrzeit erreichen wir den Bahnhof Bruxelles Midi. Die Sonne strahlt.

Kosten für den Zug: 55 Euro pro Person (mit BahnCard 25)

Brüssel: Tram, Bus

Am Gleis in Brüssel schauen wir auf Google Maps, wie wir am schnellsten zum Hotel kommen. Eine Tram soll uns zwei Haltestellen weit transportieren. Durch die Bahnhofshalle geht es zu den Gleisen der Metro- und Tram-Linien. Hier treffen wir das erste Mal auf ein Wunder der Technik für den modernen öffentlichen Personennahverkehr: kontaktloses Bezahlen. Und damit meine ich nicht einen Ticketautomaten an dem auch kontaktlos bezahlt werden kann, sondern ein System, dass komplett digital ohne irgendwelche Tickets funktioniert.

Als Tourist will ich keine Einzelverbindungen am Automaten buchen. Ich will nicht nachrechnen, ob jetzt zwei Einzelfahrten günstiger sind als ein Tagesticket. Ich will auch keine Haltestellen auf Zonenplänen suchen.

Als Tourist will ich meine Bankkarte mit NFC-Chip beim Einsteigen an ein Lesegerät halten, mich hinsetzen und aus dem Fenster gucken und irgendwann aussteigen, wieder meine Karte scannen und dann bitte den günstigsten Preis von meinen Bankkonto abgebucht bekommen. Und genauso funktioniert es in Brüssel und später auch in London und noch später in Edinburgh (dort leider nur in Bussen).

In Deutschland ist diese magische Technik im ÖPNV noch eine Seltenheit. Persönlich bin ich ihr noch nie begegnet, aber eine kurze Recherche ergibt, dass zumindest in einigen deutschen Städten schon ähnliche Systeme im Einsatz sind. Fortschritt ist also doch möglich.

In den nächsten drei Tagen in Brüssel steigen wir mehrmals in Trams und Busse. Ein Streik verringert die Auswahl der Verbindungen und wir müssen eine Strecke fast vollständig zu Fuß gehen. Wir nutzen den erzwungenen Spaziergang zum Sightseeing.

Kosten für den ÖPNV: 13 Euro pro Person

Brüssel – London: Zug

Ein Grund für die Reise nach Brüssel ist die Zugverbindung nach London. Der Eurostar fährt in zwei Stunden durch den 50 Kilometer langen Eurotunnel vom europäischen Festland ins Herzen der englischen Hauptstadt.

Vom Hotel im Zentrum von Brüssel geht es morgens mit der Tram wieder zum Bahnhof Bruxelles Midi. Die Züge von Eurostar fahren von einem eigenen Gleis ab und sind nur durch einen vorherigen Check-in zu erreichen. Ähnlich wie im Flughafen müssen alle Passagiere und ihr Gepäck durch einen Scanner. Hinzu kommen zwei Passkontrollen: bei der Ausreise aus Belgien und zehn Meter weiter bei der Einreise nach Großbritannien. Nach dieser Kontrolle sind wir gefühlt schon in England, praktisch sitzen wir aber noch 30 Minuten in einem großen Warteraum im Brüsseler Bahnhof.

Einige Minuten vor unserer Abfahrt kommt die Durchsage, dass unser Eurostar nach London St. Pancras bereitsteht. Die Wartehalle ist voll und langsam schieben sich Menschen und Rollkoffer auf das Gleis. Mit jedem Ticket gibt es auch automatisch eine Sitzplatzreservierung. Wir finden unseren Platz an einem 4er-Tisch, setzen unsere Noise-Cancelling-Kopfhörer auf und fahren pünktlich aus Brüssel ab.

Die Tunneleinfahrt wird nicht angekündigt. Plötzlich verschwindet Frankreich vor unseren Fenstern und es wird dunkel und kühl. Mit 160 km/h rauschen wir in 30 Minuten unter dem Meer bis zur englischen Küste. Dort entlässt uns der Eurotunnel ebenso unspektakulär. Einige Schafe auf flachen grünen Hügeln lassen erahnen, dass wir nun auf der britischen Insel sind.

Schon bald erreichen wir London, aber auch hier kündigt sich die Hauptstadt Englands während der Bahnfahrt nicht wirklich an. Erst erscheinen ein paar Vororte, hier und da ein Industriegebiet, dann Wohnhäuser und einige Tunnel später schon der Bahnhof St. Pancras im Zentrum der Stadt.

Wir werfen uns die Rucksäcke über, nehmen die Rollkoffer aus der Gepäckablage und strömen mit 900 anderen Passagieren auf das Gleis. Über zwei Rolltreppen geht es eine Etage tiefer. Wir lassen uns weiter mit der Menge treiben und dann stehen wir schon ohne weitere Kontrollen in der Bahnhofshalle. Hier zerstreut sich die Menschentraube. Wir folgen den Hinweisen zur U-Bahn.

Kosten für den Zug: 39 Euro pro Person

London: Underground, Overground, Bus

Das Hauptverkehrsmittel während unserer Zeit in London ist die U-Bahn. Täglich steigen wir mehrfach hinab in die Underground und rattern durch das älteste U-Bahn-Netz der Welt. Auch hier nutzen wir ausschließlich das kontaktlose Zahlen mit Kreditkarte und Smartphone. Gescannt wird am Ein- und Ausgang. Die Fahrpreise werden automatisch berechnet, addiert und bei einer täglichen Höchstsumme von 8,50 Pfund gedeckelt.

Nur unsere erste Fahrt vom Bahnhof zur Ferienwohnung birgt ein kleines Hindernis. Wegen eines Feueralarms können wir nicht wie geplant umsteigen. Der Bahnsteig für unsere Linie ist schon gesperrt als wir ankommen. Dank Google Maps finden wir eine alternative Route mit einem etwas längeren Fußweg. Am nächsten Tag ist das Problem behoben und wir nutzen die restlichen Tage die geplante Haltestelle nur 10 Minuten Fußweg von unserer Unterkunft entfernt.

Für längere Strecken in der Stadt ist die Underground sicherlich das schnellste Verkehrsmittel. Gerade in der Innenstadt lohnt es sich aber für kurze Strecken nicht immer den Weg in den Untergrund anzutreten. Je nach Linie müssen bis zum Gleis mehrere lange Rolltreppen und etliche Tunnel durchschritten werden. Und am Ziel geht das gleiche Spiel in die andere Richtung. Der direkte Fußweg an der Oberfläche ist manchmal die bessere Wahl.

Ein paar Mal steigen wir auch in die Overground, eine Art S-Bahn. Das Erlebnis unterschiedet sich aber nicht besonders zur Underground.

Bemerkenswert sind bei der Londoner U-Bahn noch die unterschiedlich großen Tunnel und Waggons. Je tiefer unter der Erde eine Linie verkehrt, umso kleiner die Tunnel, umso enger die Waggons und umso wärmer die Temperatur. Wir waren im September bei angenehmen Außentemperaturen ohne Jacken unterwegs. In den kleinen Tunneln wurde es schon sehr warm. Wie das im Winter mit dicken Mänteln ist, möchte ich mir nicht vorstellen. Die neueren Tunnel mit größeren Waggons sind dagegen deutlich angenehmer.

Kosten für den ÖPNV: 52 Euro pro Person

London – Bletchley / Bletchley – London: Zug

Von London aus ging es für einen Tagesausflug nach Bletchley Park. Dort knackten im Zweiten Weltkrieg die Engländer den Enigma-Code der Nazis.

Von London Euston nach Bletchley sind es 35 Minuten mit dem Zug. Bis Bletchley Park weitere fünf Minuten zu Fuß.

Dank katastrophaler Privatisierung der Bahn in Großbritannien gibt es nicht einen Anbieter für den Zugverkehr, sondern viele verschiedene, die sich am Ende aber doch bei Preispolitik und Fahrplänen miteinander abstimmen müssen. Um als Außenstehender dieses Chaos möglichst klein zu halten, haben wir die App Trainline für die Zugtickets in England und Schottland benutzt. Dort werden für eine Gebühr alle Verbindungen und Tickets der verschiedenen Unternehmen gebündelt. Über Trainline konnten wir auch eine Art britische Bahncard für zwei Personen kaufen (Two Together Railcard). So erhielten wir zusätzliche Rabatte auf die Tickets, was sich bei längeren Fahrten schon bei einer Hin- und Rückfahrt lohnen kann.

In britischen Bahnhöfen wird der Zugang auf die Gleise kontrolliert. Unsere digitalen Tickets konnten wir an den Schranken einfach vom Smartphone abscannen.

Vermutlich wegen des starken Zugverkehrs werden die Gleisnummern für die einfahrenden Züge erst kurz vor Ankunft bekannt gegeben. Dadurch stehen die meisten Passagiere erstmal in der Wartehalle vor der Anzeigentafel. Wird ein neuer Zug angesagt, stürmen alle Fahrgäste gleichzeitig an das Gleis und stehen dann an den Zugangsschranken in der Schlange. Wenn die Zeit bis zur Abfahrt knapp wird, öffnet das Personal alle Schranken und lässt die Passagiere ohne Kontrolle durch. Hier wird deutlich, dass das ganze System schon sehr wackelig geplant ist.

Unsere Züge der West Midlands Trains nach Bletchley und zurück waren beide pünktlich.

Kosten für die Züge: 17 Euro pro Person (mit Two Together Railcard)

London – Edinburgh: Zug

Von London Kings Cross fuhren wir in 4,5 Stunden ohne Umstieg nach Edinburgh Waverley. Auch hier wurde der Zugang zum Gleis per Schranke kontrolliert. Und auch hier wurde das Vorhaben vom Personal schnell wieder aufgegeben, weil die vielen Passagiere sonst nicht mehr rechtzeitig zum Zug gekommen wären.

Unsere Verbindung wurde von der London North Eastern Railway bedient. Die Fahrzeit verlief erfreulich ereignislos. Nur die sehr dünn gepolsterten Sitze sorgten bei mir nach gut drei Stunden für eine gewisse Unruhe. Insgesamt lagen unsere Waggons vom Komfort irgendwo zwischen einem IC und ICE.

Die Strecke nach Edinburgh verläuft im letzten Abschnitt nah der Küste. So erhaschten wir immer wieder tolle Ausblicke auf das Meer. In Edinburgh selbst gibt es mit den Stationen Waverley und Haymarket zwei Bahnhöfe im Zentrum der Stadt. Wir fuhren bis Haymarket und erreichten unsere Ferienwohnung im Anschluss in 10 Minuten zu Fuß.

Kosten für den Zug: 50 Euro pro Person (mit Two Together Railcard)

Edinburgh: Tram, Bus

Das Zentrum von Edinburgh lässt sich sehr gut zu Fuß erkunden. Für längere Strecken oder wenn die Kräfte am Ende des Tages schwinden, sind wir auf Busse und die Tram umgestiegen.

Für Abfahrzeiten und Routen in allen besuchten Städten haben wir einfach Google Maps genutzt. Die Verkehrsbetriebe speisen ihre aktuellen Fahrpläne direkt in die App ein. Nur in London habe ich die lokale App getestet. Wäre aber nicht nötig gewesen.

Die Busse in Edinburgh bezahlten wir kontaktlos mit Kreditkarte bzw. Smartphone. Der Ablauf war immer gleich: Route auf Google Maps suchen, Haltestelle finden, in den Bus einsteigen und Karte kontaktlos am Eingang scannen, am Ziel aussteigen, fertig.

In Edinburgh fährt eine Tram-Linie vom Flughafen in die Stadt hinein, durch das Zentrum hindurch und endet am Hafen. An jeder Haltestelle stehen Ticketautomaten. Wir zahlten wieder kontaktlos mit Karte. Ein ungewöhnlicher Anblick: In jeder Straßenbahn kontrollieren Mitarbeiter die Tickets. Weil an jeder Haltestelle dutzende Menschen ein- und aussteigen, hetzen die Kontrolleure ständig durch den langen Waggon.

Wir fuhren mit der Tram aus der Innenstadt bis zum Ocean Terminal. Hier liegt die The Royal Yacht Britannia vor Anker. Mit dem Schiff fuhr die Queen 40 Jahre über die Weltmeere. Jetzt ist es ein schwimmendes Museum im Hafen Edinburghs.

Kosten für ÖPNV: 10 Euro pro Person

Edinburgh – London: Zug

Zurück nach London: In Edinburgh geht es zunächst vom kleineren Bahnhof Haymarket eine Haltestelle bis zum größeren Bahnhof Waverley. Die Tickets kaufen wir wieder in der Trainline-App, können Sie für diese Verbindung jedoch nicht rein digital nutzen. Über einen individuellen Bestellcode lassen sich die Tickets aber am Automaten von ScotRail im Bahnhof schnell ausdrucken.

Mit der London North Eastern Railway geht es in 4,5 Stunden quer durch England zurück nach London.

Kosten für die Züge: 53 Euro pro Person (mit Two Together Railcard)

London: Bus, Underground

Unser letzter Tag in London. Angekommen im Bahnhof Kings Cross fahren wir mit dem Bus zehn Minuten bis zum Hotel. Unser Zimmer liegt im zweiten Untergeschoss. Ein langer Schacht lässt etwas Tageslicht auf das Bett fallen. Nachts hören wir das Rattern der Underground nur wenige Meter unter uns.

Wir verlassen die Katakomben der großen Hotelkette und fahren mit der Underground nach Notting Hill und verbringen dort den Nachmittag. Der Buchladen aus dem Film ist heute übrigens ein Souvenirladen.

Mit der Tube geht es abends zurück ins Kellerhotel.

Kosten für den ÖPNV: 11 Euro pro Person

London – Kassel (über Brüssel, Frankfurt): Zug

Die Hinfahrt nach London hatten wir noch aufgeteilt, zurück fahren wir die Strecke nach Kassel mit Umstiegen in Brüssel und Frankfurt in einem Rutsch durch.

Aber erstmal geht es wieder mit dem Bus bis Bahnhof King Cross. Direkt daneben liegt auch der internationale Bahnhof St. Pancras. Im Buchladen geben wir die letzten Pfund aus, kaufen noch ein paar Sandwiches für die Fahrt und stellen uns dann in die lange Schlange vor der Sicherheitsabfertigung. Taschen und Menschen gehen durch die Scanner, Pässe werden kontrolliert und schon sitzen wir im Wartebereich. Ein paar Minuten später wird der Zug angesagt und der Tross setzt sich über mehrere Rolltreppen in Bewegung zu den Gleisen.

Pünktlich um 13 Uhr Ortszeit geht es nach Brüssel. Das ist auch nötig, weil die Zeit für den Umstieg nach Frankfurt knapp ist. Am Gleis in Brüssel kontrolliert der Zoll einige Fahrgäste mit auffällig großen Einkaufstüten. Wer hier Pech hat, könnte seine Anschlusszüge wegen Zollkontrollen verpassen. Wir schlüpfen durch und sitzen wenige Minuten später im ICE nach Frankfurt.

Auch die restliche Fahrt sind uns die Bahngötter gewogen. In Frankfurt steigen wir problemlos in den nächsten ICE nach Kassel und stehen um 21 Uhr unter dem hohen Dach des Vorplatzes in Wilhelmshöhe.

Kosten für die Züge: 100 Euro pro Person (mit Bahncard 25)

Kassel: Tram

Jetzt noch drei Haltestellen mit der Tram, ein kurzer Fußweg und schon stehen wir wieder vor unserer Haustür.

Kosten für den ÖPNV: keine (Semesterticket und Jobticket)

Brüssel, London, Edinburgh per Zug: Das organisatorische Fazit

Smartphone und Kreditkarte sind (fast) ein Muss: Die Zugfahrten lassen sich vielleicht noch vorab online, am Schalter oder am Ticket-Automat kaufen, aber spätestens beim öffentlichen Nahverkehr hilft das Smartphone extrem, um nicht ewig auf Straßenkarten und Abfahrtspläne schauen zu müssen. Google Maps reicht für alle drei Städte aus. Auch Kreditkarten mit kontaktloser Bezahlfunktion erleichtern das Reisen sehr: Komfortabler und stressfreier habe ich noch keine Tickets im öffentlichen Nahverkehr gekauft.

Kosten: Rund 450 Euro pro Person für Zugtickets plus Rabattkarten (Bahncard 25, Two Together Railcard) und öffentlichen Nahverkehr für 13 Tage Urlaub.

Alternativen: Wir hätten die Zugfahrten auch über einen Interrail Global Pass mit 7 Reisetagen regeln können. Die Zugkosten wären ungefähr gleich gewesen. Mit jedem weiteren Reisetag hätte sich der Interrail Pass mehr gelohnt. Aber auch mit Interrail müssen für viele Züge vorab Reservierungen gebucht werden. Wirklich flexibler wären wir damit nicht gewesen.

Morgens London, Abends Kassel ist möglich: Auch per Zug lassen sich weite Strecken in Europa in kurzer Zeit überbrücken. Morgens entspannt in London zu frühstücken und abends wieder in Nordhessen auf dem eigenen Sofa zu sitzen, ist auch per Zug möglich.

Was habe ich auf meinen Zugreisen durch Europa gelernt?

Gut zu Fuß: Wer mit dem Zug und öffentlichen Verkehrsmitteln reist, muss gut zu Fuß sein. Vom Bahnhof zur U-Bahn zum Hotel zum Museum zum Restaurant zur Bus-Haltestelle und wieder zurück ins Hotel sind viele Strecken, die sich über den Tag ansammeln. Je länger eine Städtereise ist, umso mehr sollten die Kräfte eingeteilt werden.

Wenig Gepäck: Urlauber per Zug müssen ihr Gepäck selbst tragen. Deswegen wird mein Gepäck mit jeder Reise weniger. Ich weiß jetzt, was ich wirklich brauche und was nicht. Viele Bahnhöfe und Haltestellen sind nur über Treppen zu erreichen. Jedes Gramm weniger in Rucksäcken und Rollkoffern ist hier spürbar. Weniger Gepäck entspannt das Reisen zusätzlich, weil es viel einfacher ist, einen kleinen Koffer im Zug zu verstauen und im Auge zu behalten.

Wege zum Hotel planen: Hotels und Ferienwohnungen liegen nicht immer direkt an einer Haltestelle. Das sollte schon beim Buchen eingeplant werden, weil diese Strecken sich über mehrere Tage ebenfalls ansammeln. Im Zweifel würde ich ein teureres Hotel mit guter Anbindung an den Nahverkehr gegenüber einem günstigeren Hotel mit weiteren Wegen bevorzugen. Die gesparte Zeit und Energie ist es am Ende wert.

Reisetage vs. Urlaubstage: Wer mit dem Zug reist, sollte sich innerlich darauf einstellen, die Reisetage im Zug auch als Urlaub zu verstehen. Der Urlaub beginnt ab dem Moment, wenn die Haustür zugeschlossen wird und nicht erst, wenn das Reiseziel erreicht ist. Der Weg ist bei Zugreisen wirklich ein großer Teil des Ziels. Ist dieser Schalter im Kopf einmal umgelegt, sinkt das Stresslevel direkt ab. Deswegen mag ich Zugreisen. Ich kann die Zeit im Zug mit Lesen, Musik hören und aus dem Fenster gucken sehr gut ausfüllen. Leider behandeln viele Urlauber die An- und Abreise als nötiges Übel und erzeugen so erst die angespannte Atmosphäre auf den Gleisen und in den Zügen, die sie selbst bitterlich beklagen.

Vertrauen in den Prozess und das kleine Abenteuer: Als Zugreisender muss ich anderen Menschen und unsichtbaren Prozessen vertrauen. Genau das können passionierte Autofahrer nicht ertragen. Sie fühlen sich ausgeliefert, meinen am eigenen Steuer die Kontrolle über die Situation besser behalten zu können. Bis der nächste Stau sie ausbremst, der Rastplatz überfüllt ist, keine Parkplätze vorm Hotel zu finden sind und das Gefühl von Kontrolle in Stress umschlägt. Gleiches passiert Zugreisenden, wenn es zu Verspätungen oder Zugausfällen kommt. Mir hilft es hier sehr, genügend zeitlichen Puffer einzuplanen, um Notfalls einfach einen späteren Zug nehmen zu können. Wenn das schlimmste Szenario ist, zwei Stunden später am Ziel anzukommen, verliert jede Verspätung ihren Schrecken. Nebenbei sind Erstattungen der Deutschen Bahn wegen Verspätungen ein netter finanzieller Bonus. Im Stau auf der Autobahn gibt es kein Geld zurück.

Urlaub in Europa mit dem Zug: Geht das?

Sehr gut sogar. Viele Ziele in Europa sind per Zug einfach zu erreichen. Gerade für Städtereisen ist der Zug ideal. Mit ein bisschen Planung und der richtigen Einstellung lassen sich auch lange Strecken entspannt überbrücken.

Weil ich das Glück habe, nah an einem ICE-Bahnhof zu wohnen, beginnt meine Urlaubsplanung immer mit einem Blick auf das europäische Schienennetz. Das ist nicht für alle der gewünschte Ansatz. Aber bis ich jede größere europäische Stadt besucht habe, ist der Zug für mich noch viele Jahre die erste Wahl auf dem Weg in den Urlaub.