Gönnen wir uns einen Rückblick auf mein popkulturelles Jahr 2025. Mit Zahlen, Daten, harten Fakten und natürlich Listen. Denn nur so kann Kunst genossen werden. Habe ich einen Film wirklich gesehen, wenn er nicht präzise zwischen allen anderen Filmen des Jahres einsortiert wurde? Ich denke nicht.
Filme
Filmverleihe warten in Deutschland gerne bis zu den Oscars, um wirklich alle guten Filme des Vorjahrs zu veröffentlichen. Deswegen schreibe ich diesen Artikel auch erst im April 2026. Dieses Jahr hat sich das Warten besonders gelohnt.
- One Battle After Another: Mein Lieblingsfilm von Paul Thomas Anderson seit There Will Be Blood. Geschichten über Aktivisten sehe ich immer gerne. Hier stimmt Tempo, Musik, schräge Figuren und politische Aussage bei gleichzeitiger Unterhaltung.
- Marty Supreme: Ich hasse Uncut Gems. Ich liebe Marty Supreme. Gleicher chaotischer Stil, viel interessantere Figuren, noch wildere Musik, unfassbare Gesichter und Tischtennis inszeniert wie Kämpfe der Gladiatoren.
- Bugonia: Während Poor Things bei mir ein mulmiges Gefühl hinterließ, bringt Yorgos Lanthimos in Bugonia seine Stärken wieder voll zur Geltung: gesellschaftliche Phänomene bis ins schmerzhafte überzeichnen und damit der Wahrheit unangenehm nahe kommen.
- No Other Choice: Noch ein Filmemacher kehrt zurück auf den rechten Pfad: Nachdem mich die letzten Filme und Serien von Park Chan-wook sehr müde zurückließen, bringt No Other Choice wieder mehr Schwung auf die Leinwand.
- Sinners: Vielleicht mein bestes Kinoerlebnis des Jahres. Die Jahrhunderte durchschreitende Tanzsequenz wird in die Filmgeschichte eingehen. Der restliche Filme ist auch gut.
- Predators: Badlands: Spaßiges Actionkino, wie wir es nur noch selten aus Hollywood bekommen. Hoffentlich darf Dan Trachtenberg nach drei Predator-Filmen endlich eigene Ideen in einem eigenen Film unterbringen, anstatt sie nur in andere Franchises einzuschmuggeln.
- In die Sonne schauen: Der eine gute deutsche Kinofilm dieses Jahr muss sich zwar leider auch wieder an der deutschen Geschichte abarbeiten, verliert sich dabei aber wunderbar im Gefühl für die Details.
- Silent Friend: Vielleicht ein bisschen hoch einsortiert, gefiel mir aber beim Schauen sehr gut. Drei Episoden rund um einen Baum im Botanischen Garten von Marburg. Auch hier sind es die kleinen Gesten und der Blick über die Gegenwart hinaus, die hängen bleiben.
- Train Dreams: Noch ein Mood-Film über den Sinn oder Unsinn des Lebens? Plätze 7 bis 9 könnten in einer Filmreihe stattfinden. Bei Train Dreams sind wir in Amerika unterwegs, sitzen in verschwindenden Wäldern und müssen am Ende doch einfach weiterleben.
- Caught Stealing: Kleiner schmutziger Gangsterfilm von Darren Aronofsky. Ähnelt durch New York als Handlungsort und die stetige Eskalation ein wenig Marty Supreme. Für mich Aronofskys bester Film seit 15 Jahren (Black Swan).
Wenn ich ganz grob das zentrale Thema jedes Filmes runterschreibe, ergibt sich folgende Übersicht: Faschismus, Kapitalismus, Verschwörungstheorien, Kapitalismus, Rassismus, Familie, Familie, Gleichberechtigung, Kapitalismus, Kapitalismus. Kino kann also doch noch die Themen unserer Zeit verhandeln.
Auffällig in meiner Liste (und bei den diesjährigen Oscars): Streaming-Filme tauchen kaum auf. Bei mir ist es nur Train Dreams von Netflix. Es scheint so, als würden die Streamer nicht mehr so viel Geld in die Hand nehmen, um prestigeträchtige Filme zu produzieren. Den Streaming-Zuschauern scheint es egal zu sein. Sie schauen, was ihnen vorgesetzt wird.
Bücher
Über die Jahre hat sich meine Lesegewohnheit auf 20 bis 25 Bücher im Jahr eingependelt. So auch 2025. Dabei sind meist sehr wenige aktuelle Veröffentlichungen, weil es einfach zu viele interessante Bücher aus allen Jahrzehnten gibt. Unter meinen 23 gelesenen Büchern waren nur drei, die auch in diesem Jahr veröffentlicht wurden.
Neue Bücher aus 2025, die ich gelesen habe
- Flesh – David Szalay: Der Gewinner des Booker Prize liest sich flüssig weg, weil der Protagonist kein Wort zu viel verliert. Ich bin nicht sicher, ob das beschriebene Männlichkeitsbild auf unsere Zeit übertragbar ist, aber vielleicht will ich es auch nicht wahrhaben. Das spräche wiederum für die Aussagen des Romans.
- Wild Dark Shore – Charlotte McConaghy: Der dritte Roman von McConaghy verwebt erneut Umweltthemen mit persönlichen Abgründen. Das hat zweimal gut funktioniert und funktioniert auch dieses Mal. Ein einsamer Insel-Roman für die einsame Insel.
- Things Become Other Things – Craig Mod: Eine Mischung aus Biographie und Wander-Sachbuch. Ein Amerikaner reflektiert seine Kindheit im Kontrast zur neuen Heimat in Japan. Ich mag Mods Newsletter. In Buchform leidet leider der Unterhaltungswert.
Was mir gerade auffällt: Alle drei Bücher sind englischsprachig und ich habe sie auch im Original gelesen. Soviel zur deutschen Gegenwartsliteratur. Insgesamt waren neun meiner 23 gelesenen Bücher auf englisch.
Von den restlichen Büchern ist mir besonders Die Dinge von Georges Perec im Gedächtnis geblieben. Die kurze Erzählung aus dem Jahr 1965 beschreibt das Leben eines jungen Paars in Paris so beängstigend aktuell, dass der Italiener Vincenzo Latronico die Geschichte problemlos ins Berlin der Gegenwart transferieren konnte. Seinen Roman Die Perfektionen lese ich gerade und amüsiere mich damit zu Tode.
Musik
2025 war das Jahr, in dem ich mich von Spotify-Premium verabschiedete. Zum einen fließt kaum etwas von meinen Abo-Gebühren direkt zu den Künstlern und zum anderen arbeitet Spotify aktiv gegen meinen Musikgenuss an. Die Apps konzentrieren sich immer mehr auf Podcasts, Videos und cross-selling von Konzerten, während die Organisation der eigenen Musik-Sammlung, die mir nicht einmal gehört, immer schwieriger wird.
Deswegen habe ich meine alte mp3-Sammlung entstaubt und über PikaPods einen Navidrome-Server aufgesetzt. Was bedeutet das genau? Ich lade meine Musikdateien auf einen Server hoch und kann mit verschiedenen Musik-Apps von überall darauf zugreifen. Quasi wie Spotify, aber nur mit Musik, die ich ausgesucht habe. Das klappt überraschend gut und ist mit etwas technischem Wissen (FTP-Programm bedienen können), einfach umzusetzen. Etwas schwieriger ist es, an neue Musik zu kommen. Bisher habe ich mit Bandcamp und Qobuz gute Erfahrungen gemacht.
Durch den tiefen Blick in mein Musik-Archiv blieb wenig Zeit für neue Platten. Fünf Alben aus 2025 sind mir aber im Gehörgang geblieben:
- Turnstile – Never Enough: Die weltweit größte Hardcore-Band geht auch an mir nicht spurlos vorbei. Selten gingen Wut und Spaß so schön Hand in Hand.
- Little Simz – Lotus: Leider trennten sich Little Simz und ihr langjähriger Produzent auf unschöne Weise. Zum Glück hat der typische Little Simz-Flow diesen Bruch überstanden.
- Wet Leg – moisturizer: Es gibt sie noch: Rock-Musik auf der Höhe der Zeit. So müssen moderne Gitarren-Songs für mich klingen.
- Van Holzen – Solang die Erde sich dreht: Die Ulmer stabilisieren sich auf hohem Niveau. Ein bisschen hoffe ich aber nochmal auf die jugendliche Wucht des Erstlings.
- Carwyn Ellis & Rio 18 – Fontana Rosa: Lateinamerikanischer Rhythmus mit walisischem Gesang sollte nicht funktionieren, tut es aber auf jedem neuen Album wieder. Ich verstehe nichts, aber der Vibe stimmt.
TV
So richtig von vorne bis hinten hat mich im letzten Jahr keine Serie überzeugt. Es gab immer Episoden, die sich wie Füllmaterial anfühlten und wahrscheinlich wären alle Ideen der Serien als konzentrierter Kinofilm besser gewesen. Meine Top-10 ist also eher eine Mittel-10.
- Common Side Effects: Ein Thriller als Animations-Serie über einen Wunderpilz, der den Tod besiegen kann. Von den Machen der ebenfalls fantastischen Serie Scavengers Rein.
- Andor: Das Beste, was uns Disney bisher aus dem Star Wars Universum geliefert hat, wenn keine Laserschwerter gewünscht sind.
- Such Brave Girls: Britische Comedy-Serie mit einer Härte, die einem das Lachen im Hals stecken lässt.
- Tschappel: Deutsche Comedy-Serie mit einer treudoofen Freundlichkeit, die einem ein warmes Gefühl im Bauch macht.
- Adolescence: Wurde schon alles zu gesagt. Mich hat die Intensität der technischen Umsetzung fast etwas abgelenkt, aber besser so als eine dröge Inszenierung.
- The Rehearsal: Mir könnten Flugsicherung als Thema der zweiten Staffel nicht egaler sein, aber der Fokus und Aufwand hinter jedem Gag ist unfassbar.
- The Chair Company: Beginnt als vermeintliche Comedy-Serie und driftet dann komplett in den Wahnsinn seines Protagonisten ab.
- The Studio: Auf Dauer sehr ermüdender, lustig-chaotischer Blick auf Hollywood. Nach einer Folge ist eigentlich alles gesagt, aber es geht immer weiter. Das Finale habe ich bis heute nicht gesehen.
- Severance: Tolle Grundidee, tolle Optik, aber leider ohne klares Ziel. Mit jeder Folge schwindet mein Interesse.
- Pluribus: Siehe Severance.
Videospiele
Wenn es um Videospiele geht, fühle ich leider nicht mehr viel. Dank meines alten Xbox Gamepass Console Abos (was für ein Name?!) kann ich weiterhin relativ günstig über meine Series X auf den großen Katalog von Spielen zugreifen. Ich spiele viele Titel an, bleibe aber bei kaum etwas hängen.
Das einprägsamste Erlebnis ist wahrscheinlich Hollow Knight: Silksong. Ich mochte schon beim Vorgänger die kleine große Käferwelt und konnte mich mit den Kämpfen gut arrangieren. Der Nachfolger erhöht den Schwierigkeitsgrad leider dermaßen, dass ich das Ende wahrscheinlich nie sehen werde. Auch dem Blue Prince bin ich einige Tage verfallen, bis die Rätsel nur noch nervten, statt zu überraschen.
Aus Nostalgie habe ich mir Mafia: The Old Country gekauft. Die ersten Teile haben einen festen Platz in meinem Gamer-Herzen. Old Country kann da leider nur in Sachen Atmosphäre anschließen. Die Geschichte und das Spielerische sind zum Vergessen.
Auch die Nintendo Switch 2 bietet bisher nicht viel neues an. Mario Kart World bleibt Mario Kart. Donkey Kong Bananza konnte ich nur in kleinen Dosen spielen, weil das visuelle Chaos und das kleinteilige Gameplay mein Gehirn ansonsten gegrillt hätten. Vor dem drögen Metroid Prime 4 habe ich mich bisher gedrückt. Dafür ist Hades 2 eine angenehme Überraschung. Nach den ersten Runden fühle ich mich mehr abgeholt, als vom Vorgänger.
Ausstellungen: Kunst, Technik, Geschichte
Keine klassische Popkultur, aber Kultur: Zum Abschluss noch eine Liste besuchter Ausstellungen aus dem Jahr 2025 in chronologischer Reihenfolge.
- Schirn Frankfurt / Hans Haacke – Retrospektive
- Schirn Frankfurt / Carol Rama
- Fotografie Forum Frankfurt / Martin Parr – Early Works
- Caricatura Frankfurt / Bernd Pfarr – Knochenzart: Bilder von Tieren und Engeln
- Liebieghaus Skulpturensammlung Frankfurt / Dauerausstellung
- Heinz Nixdorf MuseumsForum Paderborn / Dauerausstellung
- Albrecht Dürer Haus Nürnberg / Dauerausstellung
- Informatik-Sammlung Erlangen / Dauerausstellung
- Ausstellung zum Abschluss der Stipendien für künstlerischen Nachwuchs in Kassel 24-25
- Ausstellungshalle Kunsthochschule Kassel / Ausstellung der Lehrenden
- Kunstsammlung NRW Düsseldorf / Dauerausstellung
- Kasseler Kunstverein / Kasseler Kunstpreis
- Nationalgalerie Prag Messepalast / Dauerausstellung
- Mucha Foundation Art Museum Prag / Dauerausstellung
- Prager Burg
- Ausstellungshalle Kunsthochschule Kassel / Treppen aus Sand (Klassismus)
- Kunststempel Kassel / Rodrigo Jardón Galeana & Holger Jenss
- Kunsthochschule Kassel / Rundgang 2025
- Stadtschloss Fulda
- Museum Reinhard Ernst Wiesbaden / Helen Frankenthaler
- Museum Reinhard Ernst Wiesbaden / Dauerausstellung
- Festung Ehrenbreitstein Koblenz / Dauerausstellung
- Gutenberg Museum Mainz / Dauerausstellung
- Städel Museum Frankfurt / Dauerausstellung
- Städel Museum Frankfurt / Werner Tübke – Metamorphosen
- Städel Museum Frankfurt / Annegret Soltau – Retrospektive
- Städel Museum Frankfurt / Absolventen Städelschule 2025
- Fotografie Forum Frankfurt / Japanese women photographers from the 1950s to now
- Kunsthaus Zürich / Dauerausstellung
- Kunsthaus Zürich / Suzanne Duchamp – Retrospektive
- Museum Haus C.G. Jung Küsnacht / Führung
- Mailänder Dom / Panorama-Rundgang
- Domschatzmuseum Chur / Dauerausstellung
- Kasseler Dokfest / Monitoring 2025
- Pinakothek der Moderne München / On View: Begegnungen mit dem Fotografischen
- Museum Mineralogia München / Gneiszeit – Sonderausstellung von Uwe Jonas
- Museum Mineralogia München / Dauerausstellung
- documenta Halle Kassel / Examen 25 – a script, a sketch, a show
- Museum Fridericianum Kassel / Portia Zvavahera
- Museum Fridericianum Kassel / Robert Grosvenor
