Analoge Fotografie: Eine Tragödie in vier Akten

Neue Hobbies verlaufen oft in Phasen: Alles beginnt mit Neugier. Dinge werden ausprobiert, gehen schief. Dann stellen sich erste Erfolge ein. Es wird Geld und noch mehr Zeit investiert. Doch irgendwann kommen erste Zweifel auf. Die Euphorie verfliegt und zurück bleiben ungenutzte Anschaffungen und unerfüllte Träume.

Meine letztes Hobby war die analoge Fotografie.

Akt 1: Blut lecken

Im Sommer 2021 entdeckte ich auf einem Flohmarkt eine Minolta AF-Tele Super. Ich wusste nicht viel über die analoge Fotografie. In der Schule entwickelten wir in einer Projektwoche unsere eigenen Schwarz-Weiß-Fotos und in der Familie gab es in meiner Kindheit noch ein paar Urlaube mit analogen Kameras. Meine letzte Rolle Film schoss ich vermutlich auf einer Klassenfahrt irgendwann in den Nuller-Jahren mit einer einfachen Point-and-Shoot-Autofokus-Kamera. Am Ende zog ich 36 verwackelte Bilder von pubertierenden Jugendlichen aus der Fototüte von Rossmann.

Zwanzig Jahre später stand ich also auf dem Flohmarkt an der Kasseler Messehalle und drehte eine Minolta AF-Tele Super aus dem Jahr 1988 in den Händen hin und her. Das Gehäuse aus Plastik fühlte sich noch solide an. Äußere Schäden sah ich keine. Was war so eine Kamera Wert? Eine kurze Recherche im Internet ergab irgendwas unter 50 Euro. Eine Batterie fehlte. Ich konnte also nicht testen, ob sie überhaupt noch funktionierte. Am Ende kaufte ich die Minolta für 20 Euro. Und damit begann das Geldausgeben.

Um die Minolta auszuprobieren, brauchte ich eine obskure Batterie (2CR5) und einen weniger obskuren 35mm-Film. Mit einer Rolle Kodak Gold 200 aus der Drogerie und einer Batterie von Saturn ging es in den Urlaub. Die Minolta ließ sich einschalten und schien auf den ersten Blick normal zu funktionieren. Doch schon nach einer halben Rolle wurde klar: Der Auslöser war defekt. Ich quälte mich durch die 36 Bilder und hoffte auf das Beste.

Um möglichst einfach an digitale Scans der Bilder zu kommen, schickte ich die Rolle Film zu Safelight Berlin zum Entwickeln und Digitalisieren. Zurück kamen farblich schöne Bilder. Leider war die Hälfte unscharf, weil der Autofokus der Kamera auf kurze Distanz nicht mehr funktionierte.

Aber ich hatte Blut geleckt. Die Wartezeit zwischen Bild schießen und Bild anschauen war ungewohnt. Das langsame Fotografieren erhöht die Aufmerksamkeit beim Drücken des Auslösers. Die romantische Vorstellung der entschleunigten Fotografie hatte auch meine Sinne vernebelt. Also kaufte ich auf dem nächsten Flohmarkt eine Olympus Superzoom 120 für schmale fünf Euro. Ein paar Tage später kam noch eine Kyocera Yashica Zoomate 105 SE für ebenfalls fünf Euro dazu. Beide nutzen CR123-Batterien, beide sind Point-And-Shoot-Autofokus-Kameras, beide haben mittelmäßige Zoom-Linsen, beide funktionierten und beide lieferten nette Bilder.

Exkurs: Ein analoger Fund aus der Vergangenheit

In meiner ersten Analog-Phase erinnerte ich mich an eine alte Kamera meines Großvaters. Ich hatte ihn nie damit fotografieren sehen, aber nach seinem Tod tauchte eine Agfa Billy in seinem Nachlass auf. Ohne Idee, was ich damit anfangen könnte, nahm ich die Kamera an mich. Über Jahre lag sie in unterschiedlichen Wohnungen in unterschiedlichen Kartons. Jetzt war ihre Zeit gekommen.

Als Designobjekt ist die Agfa Billy ein Hingucker. Meine Variante stammt aus den 50er-Jahren, produziert wurden ähnliche Modelle aber schon in den 30ern. Das Objektiv wird ausgeklappt und zieht einen Lichttunnel aus Balgen hinter sich her. Mit einem 120er-Rollfilm ergeben sich 6 x 9 cm große Negative. Als ich die Kamera das erste mal öffnete lag noch ein alter Film darin. Leider ließen sich keine der schon geschossene Bilder retten. Drei Fotos waren aber noch unbelichtet. Also versuchte ich mein Glück und produzierte dieses Kunstwerk:

Über die nächsten Monate testete ich noch je einen Farb- und Schwarz-Weiß-Film in der Agfa Billy. Leider hatte sich über die vielen Jahre die Mechanik schon so verzogen, dass es ein Glückspiel war, den Fokus über die manuelle Einstellungen zu treffen. Durch die hohen Kosten für Film und Entwicklung legte ich die Agfa Billy wieder zur Ruhe.

Akt 2: Euphorie

Jetzt zündete für mich die zweite Stufe der analogen Fotografie: Den entwickelten Film selbst einscannen. Dafür kann ein klassischer Scanner genutzt werden (hatte ich nicht) oder die Negative werden von einer Digitalkamera (hatte ich) abfotografiert. Dafür eignen sich ein Macro-Objektiv (hatte ich nicht) am Besten. Also kaufte ich mir ein günstiges TTArtisan 40mm Macro-Objektiv für 113 Euro.

Leider lassen sich die Negative nicht einfach auf den Tisch legen und abfotografieren. Sie wollen von hinten beleuchtet werden. Also kaufte ich noch ein LED-Leuchtpad. Doch Vorsicht: LED-Panel ist nicht gleich LED-Panel. Auf Ebay sind hunderte Zeichenpads mit Hintergrundbeleuchtung im Angebot. Mein Fehlkauf hatte keine durchgehende Leuchtfläche, sondern zeigte sichtbare einzelne LED-Lämpchen. Für das Fotografieren von Negativen war ein solch unruhiger Hintergrund ungeeignet. Also beantragte ich eine Rückerstattung und kaufte ein neues Panel.

Aber halt, warum liegen die Negative denn nicht schön flach auf der Leuchtfläche? Weil ich natürlich noch eine Halterung für die Negative vergessen hatte. Also setzte ich noch eine Bestellung ab.

Mit viel Zeit und Geduld baute ich meine Scan-Station auf dem Schreibtisch auf. Unten das Leuchtpad, darauf der Halter für die Negative, darüber ein Stativ mit Digitalkamera und Macro-Objektiv. Weil sich der Bildausschnitt beim manuellen fokussieren am Objektiv veränderte, musste ich mühsam das Stativ hoch und runter stellen, um nach einiger Zeit ein scharfes Bild der Negative bei möglichst großer Abdeckung auf dem digitalen Sensor der Kamer zu erhalten. Ist alles richtig eingestellt, lassen sich die 36 Bilder einer Filmrolle in wenigen Minuten abfotografieren. Ein Vorteil gegenüber dem klassischen Scanner, der sich häufig schon an einem einzelnen Foto lange Minuten abkämpft.

Akt 3: Wahn

Abfotografierte Negative sind im digitalen Zeitalter aber nur ein Zwischenschritt. Jetzt müssen die digitalisierten Negative am Computer in schöne positive Digitalfotos verwandelt werden. Am Anfang frickelte ich dafür manuell in Lightroom rum. Da ich jedoch generell kein Fan von Nachbearbeitung am Computer bin, schwenkte ich schnell auf eine komfortablere Lösung um.

Negative Lab Pro ist ein Plug-In für Lightroom und entwickelt die digitalen Negative mit deutlich weniger Aufwand und besseren Ergebnissen zu ansehnlichen Positiven. Natürlich kostet Negative Lab Pro Geld. Und jedes Update kostet nochmal Geld.

Leider verliert die analoge Fotografie spätestens hier ihren Charme. Eigentlich möchte ich durch das Analoge weniger Regler in Lightroom verschieben. Doch dann bekomme ich doch wieder die Möglichkeit zwischen allerlei Scan-Einstellungen und Film-Looks zu wählen und diese auch noch weiter Nachzubearbeiten. Ein Teufelskreis.

Sind die Bilder endlich digitalisiert, müssen auch die Negative gelagert werden. Der Aufwand der Archivierung verdoppelt sich also und dehnt sich in die materielle Welt aus. Ich kaufte Ordner und spezielle Hüllen, sortierte die Negative ein, beschriftete alles und stellte es in mein Regal.

Um Geld zu sparen, ließ ich meine Filme inzwischen einfach bei Rossmann entwickeln. Mit der Qualität der Entwicklung war ich immer zufrieden, aber besonders Schwarz-Weiß-Filme ließen oft viele Wochen auf sich warten.

Rossmann lieferte auch gedruckte Abzüge mit, die leider eine absolut furchtbare Qualität hatten. Die Fotos waren oft unscharf und verwaschen gedruckt, obwohl die Negative alles scharf und klar zeigten. Erst nachdem ich die Negative selbst abfotografiert und umgewandelt hatte, konnte ich die Qualität der einzelnen Bilder wirklich einschätzen. Weiterer Aufwand in einer langen Kette an Aufwände.

Akt 4: Die Katastrophe

Jetzt fehlte nur noch ein Schritt zum Olymp der analogen Fotografie: Meine geschossenen Filme selbst entwickeln. Mich in der dunklen Toilette einsperren und ein paar Chemikalien zusammenrühren? Wie schwer kann das sein? Nachdem ich mir ein paar Video-Tutorials angeschaut und die nötigen Utensilien in den Warenkorb gelegt hatte, ebbte meine Begeisterung für das Analoge zum Glück langsam ab. Spätestens mit dem Entwickeln der eigenen Filme waren Aufwand und Ergebnis nicht mehr in Einklang zu bringen.

Doch eine große Investitionen in die analoge Fotografie sollte ich im März 2022 noch tätigen.

Ich liebe kompakte Kameras. Nichts nervt mich mehr, als eine schwere Kamera mit großem Objektiv durch die Gegend zu schleppen. Auf der Suche nach einer möglichst kleinen analogen Kamera wurde ich bei der Olympus XA fündig.

Olympus XA 1

Für rund 100 Euro ersteigerte ich bei Ebay eine Olympus XA 1 aus dem Jahr 1979. Nach über 40 Jahren löste sich die Dichtung aus Schaumstoff rund um die Filmklappe langsam auf. Doch für den analogen Filmliebhaber hat der Markt bei allen Problemen eine Lösung: Spezielle Händler bieten fertig zurechtgeschnittene Lichtdichtungen für beliebte Kamera-Modelle an. Einen weiteren Kauf und ein bisschen Fummelarbeit später, war meine Olympus neu abgedichtet.

Die Olympus XA ist eine halbautomatische Kamera. Blende und Fokus können manuell eingestellt werden. Die Belichtungszeit berechnet die Kamera selbst. Das Objektiv ist für die Größe der Kamera extrem scharf. Stimmen alle Einstellungen und sitzt der Fokus, können sich die Fotos wirklich sehen lassen.

Weil die Olympus XA so klein ist, nahm ich sie zusätzlich zu meinen digitalen Kameras mit in jeden längeren Urlaub. Wien, Verona, Venedig: Überall passte die kleine Olympus noch in meinen Rucksack oder die Umhängetasche. Eine Zeit lang bildeten eine Fujifilm X 70 und die Olympus XA mein unschlagbares Team aus kompakten Kameras.

Wahrscheinlich wären diese gemeinsamen Reisen noch lange weiter gegangen, aber eines schicksalhaften Tages stand ich in der Brüsseler Innenstadt und mein Ausflug in die analoge Fotografie endete jäh: Der Auslöser meiner Olympus XA funktionierte nicht mehr. Der Auslöser ist kein manueller Knopf, sondern ein flaches Stück Plastik, bekannt dafür, irgendwann Probleme zu machen.

Im Internet fand ich viele Leidensgenossen, die ähnliche technische Probleme mit ihrer Olympus XA beklagten. Kurz spielte ich noch mit dem Gedanken, die Kamera selbst zu reparieren oder sogar in eine der späteren XA-Versionen aus den 1980ern zu investieren, aber ich musste mich ehrlich machen: Das analoge Feuer in mir war erloschen.

Ich kann die Faszination für das Analoge komplett nachvollziehen. Die Fotografie wird dadurch entschleunigt und die Bilder bekommen einen eigenen Charme. Auf der anderen Seite stehen aber für mich nicht mehr zu rechtfertigende finanzielle und zeitliche Kosten. Ich habe mit der Fotografie angefangen, um das Haus zu verlassen. Um nicht mehr an Schreibtischen sitzen zu müssen. Um meine Umgebung zu entdecken. Wenn ich meine Negative aber selbst scanne und entwickle, sitze ich doch wieder viele Stunden in meinem Zimmer. Oder ich zahle viel Geld und lasse alles von externen Labors erledigen. Ein Dilemma.

Heute, mehr als ein Jahr nach dem Ableben der Olympus XA, liegen noch drei unbelichtete Filme in meinem Regal. Sie sind Mahnung und Versuchung zugleich. Mit der richtigen Kamera könnte ich doch sicherlich noch ein paar tolle analoge Fotos schießen. Aber sind mir das Zeit und Geld Wert, wenn meine digitalen Kameras direkt daneben bereitstehen?